Das
Stundengebet
-Bedeutung-
Wer weiß noch um die Bedeutung des Stundengebetes, wer kennt die Feier einer Vesper aus eigenem Erleben? Ist das alles "Schnee von gestern" oder liegen hier nicht Gottesdienstformen brach, die auch bei uns wiederbelebt werden können. Und wenn ja, warum?
In den nächsten Abschnitten (vergleiche auch Pfarrbriefe aus dem Jahr 2000) soll diesen Fragen nachgegangen werden. Unter dem Stichwort "Stundengebet" geht es zunächst um dessen Ursprünge, die schon am Anfang der Christenheit zu finden sind, wie das Stundengebet das mönchische Leben prägte, und warum das Ganze dennoch nicht etwas nur für Kleriker und Ordensleute ist. Schließlich werden dann die Horen des Stundengebetes – vor allem die Vesper – vorgestellt und erklärt.
Am Abschluss soll der Bogen vom Anfang bis
heute gespannt
werden.
Wir können anknüpfen an Formen des gemeinsamen Gebetes und Gesanges, wie sie
schon von den frühen Christengemeinden gepflegt wurden und doch damit das
liturgische Leben in unseren Gemeinden heute bereichern.
Warum ist das so?
Genau das
soll der folgende Betrag klären.
| aus dem Inhalt |
| Ursprung und Entwicklung des Stundengebetes (1. Fortsetzung) |
| Aufbau der Vesper (2. Fortsetzung) |
| Elemente der Stundengebete (3. Fortsetzung) |
| Möglichkeiten der Umsetzung (letzte Folge) |
1. Fortsetzung:
Das Stundengebet ist gewissermaßen ein Zwiegespräch mit Gott. Gott
spricht mit den Menschen in den Texten der Heiligen Schrift, die Menschen
antworten im Gebet. Beides vollzieht sich in der Lesung, im Singen von Psalmen
und in Gebeten und Fürbitten.
Ursprung
und Entwicklung des Stundengebetes
Die Tagzeitenliturgie – vor allem aber Laudes und Vesper – ist ihrem
Ursprung und Wesen nach die ursprünglichste Form des gemeinsamen Gebets, denn
Morgen und Abend, diese Eckstunden des Tages wo Licht und Dunkel wechseln, haben
schon immer den Blick der Menschen zu Gott gelenkt. Im Alten Bund verbanden die
Gläubigen den Abend mit der Rettungstat Gottes am Roten Meer, den Morgen mit
dem Bundesschluss am Sinai.
Auch die frühen Christengemeinden kamen zu diesen Übergangszeiten zum Gotteslob zusammen und schon im 4. Jahrhundert wurde in den Bischofskirchen, neben der sonntäglichen Eucharistiefeier, an den Werktagen der tägliche Gottesdienst gefeiert: Am Morgen gedachten Kleriker und Laien gemeinsam mit der aufgehenden Sonne der Auferstehung des Herrn und am Abend, in die untergehende Sonne hinein, seiner Todeshingabe. Zugleich entwickelten sich im Mönchtum eine Vielzahl von Gebetszeiten, die den Tag und auch die Nacht durchzogen. Während diese vielfältige Formen der Tagzeitenliturgie das Leben in den Klöstern gliederten und in Form des „Breviers“ die Kleriker zu bestimmten Gebeten verpflichteten, verbanden außerhalb der Klöster die Menschen früherer Zeiten ihr Tagewerk mit Gott vor allem durch das gemeinschaftliche Morgenlob (Laudes) und Abendlob (Vesper) in der Kirche .
Das II. Vatikanischen Konzil schließlich hat die Gebetszeiten der Tagzeitenliturgie neu festgelegt und sieht folgende Gebetsstunden vor:
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Invitatorium – Eröffnung vor der erstgefeierten Hore |
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Lesehore – kann zu jeder Tageszeit gebetet werden |
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Laudes – Morgenlob - Gedächtnis der Auferstehung Christi |
Die „kleinen Horen“:
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Terz (9.00Uhr) |
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Sext (12.00 Uhr) |
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Non (15.00 Uhr) - Gedenken der Leidensgeschichte des Herrn und der ersten Ausbreitung des Glaubens |
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Vesper – Abendlob - Dank für den Tag und Gedächtnis des Kreuzesopfers |
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Komplet – Gebet vor der Nachtruhe – u.a. Gewissenserforschung. |
Zumindest die beiden Haupthoren Laudes und Vesper sollten auch im Gottesdienstangebot der Gemeinden ihren Platz haben. Vom II. Vatikanischen Konzil wurde der gemeinschaftliche Charakter der Tagzeitenliturgie ausdrücklich betont: „Da das Stundengebet Stimme der Kirche ist, des ganzen mystischen Leibes, der Gott öffentlich lobt“(SC99), solle es als das „öffentliche Gebet der Kirche“(SC98) gemeinschaftlich gefeiert werden.
Die Vesper – das Abendgebet der Kirche - soll deshalb in der nächsten Folge dieser Serie genauer vorgestellt werden.[TOP]
2. Fortsetzung:
Aufbau der Vesper
Die Vesper (lat. vespera = Abend) will danken für den sich neigenden Tag, für die Heilstaten
Christi am Gründonnerstag und sein Kreuzesopfer am Karfreitag.
| ERÖFFNUNG | Einleitungsvers:
„O Gott, komm mir zu Hilfe“
Hymnus |
| PSALMODIE | Erster
Psalm mit Antiphon (Kehrvers)
Zweiter Psalm mit Antiphon Gesang aus dem NT |
| SCHRIFTLESUNG | |
| ANTWORTGESANG | Responsorium breve |
| LOBGESANG | Magnificat
(Lobgesang Mariens) mit Antiphon (evt. Beräucherung von Altar und Kreuz) |
| SCHLUSSGEBETE | Fürbitten
Vater Unser Tagesgebet / Oration |
| ABSCHLUSS | Segen
Entlassungsruf |
Die Tagzeitenliturgie, vor allem Laudes und Vesper, lebt von der Gestaltung durch Musik. Die einzelnen Elemente der Vesper entstammen musikalischen Gattungen: Psalmen und Cantica, die Lieder des AT und des NT, sowie Hymnen, die Lieder aus der Frühzeit der Kirche. 1967 hatte das vatikanische Schreiben zur Kirchenmusik „Musicam sacram" hervorgehoben, dass das „Singen des Stundengebets ...seinem Wesen" entspricht, weil es „Zeichen größerer Feierlichkeit und stärkerer Gemeinschaft beim Gotteslob" ist.
Zu Beginn jeder Vesper wird in der Eröffnung der Name Gottes ausgerufen:„O Gott, komm mir zu Hilfe – Herr, eile mir zu helfen – Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist – wie im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit. Amen.“
Danach folgt ein Hymnus zur Einstimmung in den Gehalt der Stunde.
Das Singen der Psalmen ist der Kern der Tagzeitenliturgie. Die Psalmen werden von einem Kehrvers (Antiphon) eingerahmt und enden stets mit der Kleinen Doxologie: „Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Wie im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit, und in Ewigkeit. Amen.“ In der Vesper wird an Stelle des dritten Psalms ein Gesang aus dem Neuen Testament gesungen. Es folgt eine Schriftlesung, darauf ein Antwortgesang, das Responsorium breve.
Höhepunkt der Vesper
ist das Magnificat, der
Hochgesang aus dem Lukasevangelium (Lk 1, 46-55):
„Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott,
meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von
nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an
mir getan, und sein Name ist heilig. Er erbarmt sich von Geschlecht zu
Geschlecht über alle, die ihn fürchten...“
Dem schließen sich Fürbitten, Vaterunser, Tagesgebet und Segen an.
Zum Abschluss wird eine Marianische Antiphon gesungen.
So viel zur Grundstruktur einer Vesper. Wie vielfältig die Möglichkeiten sind, sie konkret auszugestalten, soll in der nächsten Folge gezeigt werden.[TOP]
3. Fortsetzung
Die Elemente der Stundengebete -
Hymnus, Psalmodie, Lesung und Gebet - eröffnen für die Gemeindeliturgie vielfältige
Möglichkeiten zur gemeinsamen Feier. Viele Gläubige müssen sich allerdings in
etwas für sie Neues, z.B. das Beten, Singen und Verstehen von Psalmen,
„einarbeiten“. Für die Teilnehmenden bedeutet das Stundengebet zudem eine
Erinnerung und Vergegenwärtigung der Heilsgeschichte und eine Möglichkeit der
Vertiefung des eigenen Glaubens. Ganz im Sinne des Briefes von Bischof Franz
Kamphaus an die Gemeinden zur Österlichen Bußzeit 1999 „Warum Christen
beten“, kann man im Stundengebet einen „Lernort des Betens“ sehen.
Die Feier des Stundengebetes ist mit Laiendiensten, ohne Priester oder Diakon, möglich und weit mehr als eine Notlösung. Eine Gemeinde, die es gelernt hat, dem liturgischen Geschehen im Gottesdienst einen hohen Stellenwert einzuräumen und die sich das Stundengebet zur Herzenssache macht, lebt ein Stück Kirche. Natürlich mit ihren geweihten Amtsträgern und nicht gegen sie. Laien feiern eine Stundenliturgie fast genauso, als ob sie unter priesterlicher Leitung stattfinden würde, lediglich der Schluss-Segen wird durch eine Segensbitte ersetzt.
Aber ist eine Tagzeitenliturgie in der Gemeinde überhaupt praktizierbar? „O ew’ger Schöpfer aller Welt,/ des Walten Tag und Nacht regiert,/ du setzt den Zeiten ihre Zeit,/ schenkst Wechsel in der Zeiten Lauf.“ So beginnt ein Hymnus zu den Laudes. Vertragen sich diese Verse mit der Hektik des modernen Lebens, dem Eingespanntsein in berufliche, schulische, häusliche Verpflichtungen, mit den vielen Terminen unseres Alltags? Sicherlich nicht in dem Sinne eines „Alles oder Nichts“, doch andererseits könnte gerade in der Vielfalt der Gebetszeiten der Stundenliturgie genau das zu finden sein, was machbar ist. Die Gebetszeit der Vesper oder der Komplet in den Abendstunden müsste sich auch in der Woche realisieren lassen, oder positiv ausgedrückt: Entspricht man hier nicht sogar dem Bedürfnis mancher Menschen nach „Kontakt mit Gott“ in Meditation und Ruhe? Können hier nicht Kontrastpunkte zur „Erlebnisgesellschaft“ gesetzt werden? Oder geht man davon aus, dass viele Kirchen wegen des Priestermangels oft mehrere Tage lang geschlossen sind - könnten sie nicht einmal am Tag mit Leben erfüllt werden durch die Feier einer Laudes oder Vesper, wenn auch nur im (realistisch vermutet) kleinen Kreis?
Diese Überlegungen sollen auf die vielfältigen Perspektiven der Tagzeitenliturgie im Gemeindeleben hindeuten. Wohl kann nicht schon von Beginn an eine große Resonanz erwartet werden. Im Gegenteil, dies wäre ein Lernprozess für alle über einen längeren Zeitraum hinweg, bis eine Gemeinde ihren ganz persönlichen Tagzeitenrhythmus gefunden hat.
In dieser letzten Folge der Serie zum Stundengebet sollen einige Möglichkeiten der Umsetzung des Stundengebetes in der Gemeinde vorgestellt werden.
Einleitend ein Zitat aus dem Hirtenbrief unseres Bischofs zur Situation der Sonntagsgottesdienste:
”Der Sonntagsgottesdienst muss eingebettet sein in ein vielfältiges gottesdienstliches Leben der Gemeinden. Neue Formen sollen gesucht, traditionelle organisch weiterentwickelt werden. Zielgruppen sind anzusprechen, katechetische Feiern zu entwickeln, Gebetsgruppen zu fördern. Die Intensität der ausdrücklichen Hinwendung zu Gott bezeugt die Tiefe des Glaubens, im persönlichen wie im gemeindlichen Leben.”
Die vorangegangenen Folgen haben gezeigt, dass gerade in der Tagzeitenliturgie mit dem Morgen- und Abendlob, das auch von Laien gestaltet werden kann, auf die heutige Gemeindesituation übertragbare Gottesdienstformen zu finden sind und dass das keineswegs nur „neuer Wein in alten Schläuchen“ ist.
An Sonntagen:
Hier bietet sich eine gesungene Sonntagsvesper an, die möglichst
in regelmäßigen Abständen, orientiert am Jahreskreis, gefeiert werden
kann. Die Gemeinde sollte von einer
Schola oder einem Kantor unterstützt werden. Der Charakter eines Festes, die
Atmosphäre einer Zeit im Kirchenjahr können in einem solchen Gottesdienst
durch die emotionalen Dimensionen der Liturgie (Gesang, Licht, Weihrauch,
Wasser) besonders vertieft werden. Zum Beispiel wird sich in der Fastenzeit die
Vesper zwar nicht im Ablauf, doch in der ganzen Ausstrahlung von einer
Weihnachts- oder Ostervesper unterscheiden und so die Gläubigen auf das Fest
oder auf die entsprechende Zeit im Jahreskreis im wahrsten Sinne des Wortes
„einstimmen“.
Eine Möglichkeit, Elemente der Tagzeitenliturgie im sonntäglichen Gemeindegottesdienst einzubringen wäre an Hochfesten eine dem feierlichen Hochamt vorangestellte Terz, die zu einer besonders festlichen Gestaltung beitragen kann.
Die Terz wird mit:„O Gott, komm mir zu Hilfe“ eröffnet. Es folgen Hymnus, Psalmodie, Kurzlesung und Responsorium. Geschlossen wird mit der Oration und mit dem Versikel: „Singet Lob und Preis. Dank sei Gott, dem Herrn.“
Als Wochentagsgottesdienst:
Hier kann durch die Straffung der Elemente und eine stärkere Betonung des
Gebetes eine schlichte, aber ruhige, meditative Atmosphäre entstehen. Denkbar
ist z.B. eine Vesper am Freitag zur Einstimmung auf das Wochenende bzw. als
Abschluss der Arbeitswoche.
Hierzu ein Zitat aus der „Allgemeinen Einführung in das Stundengebet“, das für Sonn- und Werktage gleichermaßen gilt: „Sehr viel liegt (aber) daran, dass die Feier weder zu nüchtern noch zu kompliziert oder nur auf die Einhaltung rein formaler Gesetze bedacht ist, sondern der inneren Wirklichkeit entspricht. In erster Linie muss man danach trachten, dass ...es Freude bereite, das Gotteslob zu feiern.“ (AES 279)
Die Orgelvesper
Da wir in unseren Kirchen in Gackenbach, Holler und Stahlhofen über
ausgezeichnete Orgeln verfügen, könnten gelegentliche Orgelvespern vielleicht
(sogar über die Gemeindegrenzen hinaus) neue Akzente setzen.
Möglicher Ablauf
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Orgelmusik (Hymnus) |
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Lesung - Ansprache bzw. Meditation |
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Orgelmusik |
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Fürbitten - Vater unser |
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Orgelmusik |
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Tagesoration - Segen bzw. Segensbitte |
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Orgelmusik |
Die Orgelvesper ist eine Form von Stundenliturgie in der Gemeinde, die auch Musikliebhaber zum Besuch anregen könnte, die einen „normalen“ Gottesdienst nicht bzw. nicht zu diesem Zeitpunkt besuchen würden. Dennoch handelt es sich hier keinesfalls um ein Orgelkonzert. Der Wechsel zwischen Orgelmusik - Lesung - Orgelmusik - Gebet verweist eindeutig auf den liturgischen Charakter. Gleichwohl bietet dieses Gotteslob durch Musik, gespielt in einem sakramentalen Raum und Rahmen, die Chance, Menschen anzusprechen, die nicht zur Gemeinde oder nicht zu den aktiven Gottesdienstbesuchern zählen. Der Kirchenraum und die Musik können hier eine Brücke zu Gott sein.
Text: C. Czerwick
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